Thomas Quasthoff, wie ihn kaum einer kennt

Bariton-Weltstar tritt in der Galerie Praxis Hagen auf

Bild aus der Morgenpost

1988 gewann Thomas Quasthoff (r.) mit seinem Bruder Michael Quasthoff (m.) und Andi Arbeit Hahn den 1. Preis beim internationalen Musikwettbewerb der ARD

Foto: Schulz

Er füllt mit Leichtigkeit die berühmtesten Konzertsäle der Welt, und auch die Opern reißen sich um den 46-jährigen Star-Bariton Thomas Quasthoff. Vornehmlich kennt man den Contergan-geschädigten Künstler von umjubelten Auftritten im In- und Ausland vor einem großen Publikumskreis. Nicht so am Freitagabend in der Galerie Praxis Hagen an der Sonnenburger Straße in Prenzlauer Berg: Dort sah man Quasthoff ganz leger im T-Shirt sitzen - neben seinem zwei Jahre älteren Bruder Michael Quasthoff und dem Künstler Andi Arbeit Hahn, der mit Vera von Wilcken und Bert Holterdorf die Galerie betreibt. Die drei Männer präsentierten Lieder und (unsinnige) Texte; so die "Ode an Joseph Beuys": "Am Tag, als Joseph Beuys starb, da platzten alle Träume. Denn er war wie kein anderer, er war der Mann mit Hut..." Oder auch "Willkommen im Club der Melancholie": "Ich kann tanzen, doch ich tanze nicht, ich kann singen, doch ich singe nicht..." Großer Beifall und lautes Gelächter auch, als der weltberühmte Sänger seinen Text "Auf dem Arbeitsamt der Romanfiguren" vorliest.

Thomas Quasthoff trat zum zweiten Mal in der kleinen Galerie auf. Anlass des ungewöhnlichen Abends war die Ausstellungseröffnung "Linolschnitt und Bügelbrett" mit Werken von Jakob Kirchheim (Linoldrucke 70 bis 950 Euro) und Andi Arbeit Hahn (bearbeitete Bügelbretter, deren Bezüge mit Acryl- und Mischfarben bemalt sind, 33 bis 400 Euro). Weltstar Quasthoff bescheiden zu dieser Zeitung: "Ich bin hier gar nicht wichtig, die Künstler sind wichtig." Hahn und Michael Quasthoff: "Wir lachen viel mit Thomas zusammen!"

Andi Arbeit Hahn und Quasts Bruder Michael haben Anfang der 80er-Jahre in einer Ladenwohnung in Hannover fünf Jahre lang in einer WG gewohnt. "Damals war Tommi oft bei uns zu Gast. Inzwischen hat er eine Weltkarriere gemacht, aber auch heute noch treffen wir uns regelmäßig", sagt Hahn, der in Hannover Visuelle Kommunikation studiert hat und später nach Hamburg zog, ehe er nach Berlin kam.

Michael Quasthoff studierte Germanistik und Geschichte, blieb in Hannover. Er ist heute freier Journalist und Autor, hat unter anderem das Buch "Thomas Quasthoff. Der Bariton" (Henschel-Verlag) geschrieben und die Autobiografie seines berühmten Bruders, "Die Stimme"(Ullstein-Verlag) aufgezeichnet. Wer war in der Kindheit der Frechere von beiden? Michael Quasthoff lacht in Erinnerung an Kindertage: "Ich glaube, eher mein Bruder." Was er an ihm besonders mag: "Er ist ein feiner Kerl! Trotz seiner großen Karriere ist er überhaupt nicht abgehoben, sondern bodenständig geblieben."

Schon sehr früh, so weiß sein Bruder zu erzählen, fiel die große musikalische Begabung von Thomas Quasthoff auf. "Er sang schon im Alter von zwei bis drei Jahren und mit fünf bereits Melodien von Mozart." Welche Zeugnisnote hatte Michael Quasthoff im Fach Musik? "Ich war eher schlecht, hatte nur die Note ausreichend."

Im Gegensatz zu seinem Bruder ist Michael Quasthoff (noch) Single. Thomas Quasthoff hingegen hat seine große Liebe schon gefunden - in seiner Frau, der zehn Jahre jüngeren Claudia, einer Fernsehredakteurin.

Im Mai sprach er bei "Beckmann" vor einem Millionenpublikum über seine Traumfrau: "Claudia ist einfach eine ganz tolle Frau! Sie ist ein Mensch, der mir einfach sehr, sehr gut tut. Und wenn ich Geborgenheit und die Möglichkeit, mich anzulehnen, personifizieren würde, dann wäre das Claudia." Früher, so der Bariton-Star weiter bei "Beckmann", habe er sich manchmal alleine gefühlt, wenn er von Tourneen nach Hause gekommen ist. "Dann war niemand da, dem ich mich mitteilen konnte."

Auch beruflich läuft bei Thomas Quasthoff alles bestens. So war er gerade in Amerika und bekam am vergangenen Dienstag in Dresden den Europäischen Kulturpreis 2006. Heute gibt er um 17 Uhr ein Jazzkonzert im Kammermusiksaal der Philharmonie und demnächst wird er eine Jazzplatte mit dem Berliner Star-Trompeter Till Brönner aufnehmen.

Barbara Jänichen
Aus der Berliner Morgenpost vom 15. Oktober 2006